Guide · Bewegung

Holistische Bewegungs­routine

So entdeckst du deine natürliche Bewegungs­intelligenz wieder. Fünf Elemente aus deiner frühen Entwicklung für jeden Tag, 3 bis 15 Minuten: Atmen, Nicken, Rollen, Rocken, Krabbeln.

Deine grundlegenden Bewegungsprogramme hast du als Baby und Kleinkind gelernt. Das moderne Leben hat einige davon verschüttet. Mit dieser Routine am Vorbild der Natur holst du sie zurück. Erst lernst du die Basisversion, dann Variationen, mit denen du deine eigene Routine baust.

Von Tim Böttner, Bewegungswissenschaftler · zuletzt aktualisiert im Oktober 2026

Bevor wir starten

Warum wir uns neu programmieren können

Deine Bewegungsprogramme, die jeder Bewegung im Alltag bis hin zu athletischer Leistung zugrunde liegen, entstehen schon im Baby- und Kleinkindalter. In deiner motorischen Entwicklung durchläufst du Meilensteine, bis du effizient gehen, laufen, sprinten, springen und werfen kannst. Diese Entwicklung macht dich von Natur aus zu einem perfekten Beweger.

Danach kommt meist das moderne Leben dazwischen: Bewegungsmangel und Monotonie, viel Sitzen, aber auch Verletzungen. Wir bewegen uns nicht mehr so, wie die Natur uns geschaffen hat. Nach dem Motto „Use it or lose it“ verlieren wir unsere natürliche Bewegungskompetenz wieder.

Die gute Nachricht: Bis zu einem gewissen Maß können wir unsere Bewegungsprogramme neu programmieren, indem wir die motorische Entwicklung noch einmal durchlaufen. Dein Gehirn wird praktisch neu verdrahtet. Wir setzen an der Wurzel an. Symptome wie Schmerzen oder ineffiziente Bewegungen beim Laufen oder Sprinten lösen sich dadurch häufig von selbst.

Auf einen Blick

  • Fünf Elemente, aufgebaut wie deine frühe Entwicklung: 3D-Atmung, Nicken & Blicken, Rollen, Rocken, Krabbeln
  • Täglich 3 bis 15 Minuten, am besten 4 Wochen am Stück
  • Immer durch die Nase atmen, die Zunge liegt locker am Gaumen
  • Der Blick führt die Bewegung, der Kopf folgt
  • Ziel: fließend, ohne Ruckeln, ohne Momente des Fallens
  • Ein Lächeln ist ein guter Indikator für ein entspanntes Nervensystem
  • Krabbeln trainiert dein X: rechte Schulter und linke Hüfte arbeiten zusammen
  • Bonus: die Krabbelchallenge bis zu 10 Minuten am Stück
Illustration der motorischen Meilensteine eines Babys: Kopf heben, Drehen, Hochstützen, Krabbeln, Sitzen, Stehen mit Halt, Gehen
Die motorischen Meilensteine im ersten Lebensjahr: Kopf heben, drehen, hochstützen, krabbeln, sitzen, stehen, gehen. Angaben in Monaten.
Die Grundhaltung

Spielerisch, ganzheitlich, mit einem Lächeln

Keins deiner Systeme im Körper arbeitet allein. Alle beeinflussen sich gegenseitig. Bei integrativer Bewegung spricht dein Oberkörper mit deinem Unterkörper. Diese Kommunikation fördert die Heilung aller Systeme, weil Ganzheit selbst ein Signal ist. Ein moderner Lebensstil dagegen kann zu Spaltung führen, in allen Systemen.

1

Spiel ist unsere Art zu lernen

Die Bewegungen wirken spielerisch und leicht, und das ist gut so. Es ist okay, wenn es am Anfang aussieht wie ein Unfall. Die Routine beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber die Anweisungen sind so einfach, dass sie jedes Kind versteht. Zu viel Detailwissen kann dich sogar am Fortschritt hindern.

Nach kurzer Zeit fühlen sich die Bewegungen sehr gut an. Dieses positive Körperfeedback macht Freude und motiviert dich, dranzubleiben.

2

Kompensationen erkennen

Ein Ziel ist, dass möglichst wenige oder keine Kompensationsmuster mehr erkennbar sind. Woran du sie erkennst: Die Bewegung ist nicht fließend, es gibt „Momente des Fallens“ oder ein Ruckeln. Der Start einer Bewegung sollte sanft und gleichmäßig sein.

3

Lächeln

Ein unterschätzter Indikator für gute Bewegung ist ein Lächeln. Es steht für ein entspanntes Nervensystem. Freude ist positives Biofeedback, das Lernen erleichtert und Spannung reduziert. Wenn du dich verkrampfst, erinnere dich ans Lächeln. Oft löst sich sofort Spannung und die Bewegung wird flüssiger.

Wissen gibt dir das „Warum“. In meinen Videos erkläre ich dir die Grundlagen der neuromotorischen Entwicklung (17 Min.) und, weil Stress und Nervensystem für gute Bewegung so wichtig sind, wie du Stress verstehst (26 Min.).

Element 1 von 5

Dreidimensionale Atmung

Die Basis für alles Weitere. Du beruhigst dein Nervensystem und weckst dein Zwerchfell.

So geht’s

  1. Leg dich auf den Rücken und stell die Beine an. Leg die Hände so auf den Bauch, dass sich die Fingerspitzen berühren.
  2. Atme durch die Nase, der Mund bleibt geschlossen. Die Zunge liegt locker am Gaumen hinter den Schneidezähnen. Diese Position findest du, wenn du einmal schluckst.
  3. Atme tief in den Bauch, sodass sich mit der Einatmung deine Finger heben und spreizen. Deine Flanken schieben die Handballen nach außen, dein unterer Rücken breitet sich zum Boden hin aus.
  4. Stell dir vor, dein Rumpf ist ein Ballon: Mit dem Einatmen breitet er sich horizontal aus, mit dem Ausatmen zieht er sich zur Wirbelsäule zusammen.
  5. Verlängere die Ausatmung: etwa 3 Sekunden ein, 6 Sekunden aus. 10 bis 20 Atemzüge.
Tim Böttner liegt auf dem Rücken mit angestellten Beinen und den Händen auf dem Bauch und übt die dreidimensionale Atmung
Rückenlage, Beine angestellt, Hände auf dem Bauch.
Was dabei gelernt wirdNervensystem · Zwerchfell

Aus Sicht des zentralen Nervensystems aktivierst du deinen Parasympathikus. Dadurch sinkt dein allgemeiner Muskeltonus, und die folgenden Bewegungen gelingen effizienter. Außerdem werden deine Hirnwellen langsamer. In diesem Zustand fällt Lernen leichter, neue Bewegungsmuster sitzen schneller.

Biomechanisch aktivierst du mit der dreidimensionalen Atmung dein Zwerchfell, deine tiefe Rumpfmuskulatur und deinen Beckenboden. Die Atemhilfsmuskulatur bleibt dagegen entspannt.

  • Dein Zwerchfell verbindet deinen Brustkorb und deine Hüfte.
  • Zwerchfell und Beckenboden arbeiten rhythmisch und synergistisch.
  • Mit der dreidimensionalen Atmung aktivierst du deinen thorakolumbalen Zylinder und stabilisierst deine Wirbelsäule.
Anatomische Grafik: Zwerchfell zwischen Brustkorb und Becken, Zwerchfell und Beckenboden im Wechselspiel und der thorakolumbale Zylinder
Zwerchfell, Beckenboden und der thorakolumbale Zylinder.

In allen folgenden Schritten behältst du dieses Atemmuster bei, damit dein Nervensystem und deine Atemhilfsmuskeln ruhen können. Dein Mantra: „Durch die Nase atmen, die Zunge liegt locker am Gaumen.“ Sobald die Bewegungen komplexer werden, schleichen sich sonst schnell wieder Kompensationen ein.

Mehr über die Atmung erkläre ich dir im Video Atmung – Theorie (32 Min.).

Bonus: Zwerchfell lösen17 Min. zum Mitmachen

Wenn Zwerchfell und Bauchmuskulatur verspannt sind, kannst du dein Atemvolumen nicht voll ausschöpfen. Dein Zwerchfell ist nicht nur mit dem Rippenbogen verbunden, sondern auch mit Brust- und Lendenwirbelsäule. Vielleicht verbessert sich durch das Lösen deine Haltung, oder Schmerzen im unteren Rücken werden weniger. Außerdem werden deine Bauchorgane durch ein bewegliches Zwerchfell besser mitbewegt.

Im Video: die Basisatmung und Element 2, Nicken & Blicken.

Element 2 von 5

Nicken & Blicken

Die Augen führen, der Kopf folgt. So lernst du Kopfkontrolle, wie ein Baby in Bauchlage.

So geht’s

  1. Leg dich auf den Bauch und stütz dich auf deine Unterarme.
  2. Drück dich leicht vom Boden weg und zieh die Ellbogen sanft Richtung Hüfte, sodass dein Nacken lang wird.
  3. Blick nach oben zur Decke und lass deinen Kopf dem Blick mit der Einatmung folgen. Der Blick führt die Bewegung.
  4. Blick nach unten und lass den Kopf ausatmend folgen.
  5. „Nicke“ im Rhythmus deines Atems, weiter durch die Nase in den Bauch. 10 bis 20 Atemzüge.

Du kannst die Kopfbewegungen in allen möglichen Positionen machen, etwa in Rückenlage, im Fersensitz oder im Vierfüßlerstand. Beginne aber in einer möglichst „sicheren“ Position mit viel Bodenkontakt. Bodenkontakt senkt die Arbeit der Haltemuskeln. Kompensationen werden weniger und sind schneller sichtbar, spürbar und auflösbar.

Tim Böttner in Bauchlage auf den Unterarmen, links mit Blick nach unten, rechts mit Blick nach oben
Blick nach unten, Blick nach oben: der Kopf folgt den Augen.
Was dabei gelernt wirdKopfkontrolle · Gleichgewicht

Beim Nicken lernst du Kopfkontrolle. Du aktivierst dein Gleichgewichtsorgan und verinnerlichst das Prinzip, dass die Augen die Bewegung führen. Dabei verbindest du die dreidimensionale Atmung mit der Kopfkontrolle.

In der Stützposition aktivierst du außerdem dein natürliches Stütz- und Druckmuster, die Grundlage für Liegestütze und Co. Achte unbedingt auf einen entspannten Nacken: leichter Druck der Ellbogen in den Boden und Zug Richtung Hüfte. Fließende, sanfte Kopfbewegungen sind ein guter Hinweis auf eine entspannte Nackenmuskulatur.

Nutze alle Funktionen deiner Augen und aktiviere dein Gleichgewichtsorgan. Warum? Du siehst, „wo der Tiger ist“, und hast „keine Angst vor dem Fallen“. Das findet dein Gehirn sicher.

Variationen zum MitmachenVideo
Element 3 von 5

Rollen

Rollen nährt deine Wirbelsäule und aktualisiert die Landkarte deines Körpers im Gehirn.

So geht’s: Oberkörperrolle

  1. Leg dich flach auf den Rücken und streck die Arme über den Kopf zum Boden. Dein Unterkörper bleibt unbewegt.
  2. Um nach links zu rollen, heb den Kopf, blick nach links und greif mit dem rechten Arm so weit wie möglich nach links. Blick und Kopf führen, du atmest weiter durch die Nase.
  3. Spür die Verdrehung der Brustwirbelsäule und stoß dich nicht mit den Füßen ab. Lass die ganze Wirbelsäule rotieren, bis du auf dem Bauch liegst.
  4. Zurück vom Bauch auf den Rücken: über die Schulter blicken und mit dem Arm in die Richtung greifen, in die du rollen willst.

So geht’s: Unterkörperrolle

  1. Leg dich auf den Rücken, der Oberkörper bleibt unbewegt.
  2. Um nach rechts zu rollen, reich mit dem linken Fuß so weit wie möglich nach rechts. Die Drehung beginnt im Becken und setzt sich Segment für Segment über Lenden- und Brustwirbelsäule fort.
  3. Zurück vom Bauch auf den Rücken: mit dem rechten Fuß nach links reichen.

3 bis 5 Wiederholungen je Version, mindestens aber so lange, bis die Bewegung fließt, die 3D-Atmung integriert ist und die Kompensationen weniger werden. Ziel ist eine fließende Bewegung ohne Ruckeln.

Vier Bilder von Tim Böttner beim segmentalen Rollen auf dem Boden, vom Rücken auf den Bauch und zurück
Segmentales Rollen: Blick, Kopf, Reichen, dann folgt der Rumpf.
Was dabei gelernt wirdWirbelsäule · Rumpf · Hüfte

Die Oberkörperrolle beginnt mit einer Kaskade: Blickbewegung, Kopfbewegung, Reichen. Vollenden kannst du sie aber nur mit reflexiver Rumpfkontrolle. Durch den großflächigen Bodenkontakt bekommt dein Körper viel sensorischen Input, der die Beweglichkeit der Wirbelsäule unterstützt. Arme und Beine kreuzen dabei die Mittellinie des Körpers.

Bei der Unterkörperrolle kommt die Hüfte beim Wechsel vom Rücken auf den Bauch einseitig in volle Beugung und Adduktion, die andere Seite in Streckung, wodurch die Hüftstrecker arbeiten. Beim Rollen vom Bauch auf den Rücken durchläuft die reichende Hüfte Streckung und Abduktion, während die Beuger der anderen Hüfte aktiv werden. Damit entsteht eine wichtige Grundlage für das Laufen.

Das alles geschieht unbewusst, und so soll es auch sein. Ich spreche nicht von Flexion, Extension oder Abduktion, sondern sage nur „reiche so weit wie möglich“ und „synchronisiere mit der Atmung“. Dieser äußere Fokus fordert natürliche Bewegungsmuster. Ich stelle eine Bewegungsaufgabe, die gelöst werden will.

  • Rollen nährt deine Wirbelsäule. Deine Bandscheiben sind wie Schwämme, die ausgequetscht und wieder vollgesaugt werden wollen.
  • Rollen stimuliert deine Haut. Dein Körper weiß, wo er im Raum ist, und aktualisiert die Landkarte deines Körpers im Gehirn. Das gibt Sicherheit.
Variationen zum MitmachenVideo
Element 4 von 5

Rocken

Schaukeln im Vierfüßlerstand, wie eine horizontale Kniebeuge.

So geht’s

  1. Geh in den Vierfüßlerstand, die Hände unter den Schultern, die Fußrücken abgelegt.
  2. Stell dir vor, du schaust über eine Mauer oder aus dem Fenster.
  3. Setz dich mit dem Gesäß nach hinten zu den Fersen. Halte den Rücken lang und die natürliche S-Form deiner Wirbelsäule aufrecht. Schieb die Hände leicht nach vorn und zieh dich mit der Hüfte nach hinten.
  4. Streck dann die Hüfte und zieh dich mit den Händen nach vorn.
  5. Mit der Hüftstreckung atmest du ein, mit der Beugung aus. Nach der Hälfte kannst du von abgelegten Füßen zu aufgestellten Zehen wechseln. 20 bis 40 Wiederholungen.
Tim Böttner im Vierfüßlerstand beim Rocken, links mit dem Gesäß nach hinten, rechts mit gestreckter Hüfte nach vorn
Nach hinten zu den Fersen, nach vorn in die Streckung, Blick über die Mauer.
Was dabei gelernt wirdSchulter · Hüfte · Rumpf

Beim Rocken integrierst du die dreidimensionale Atmung und die Kopfkontrolle in das Muster einer Kniebeuge. Beim Schaukeln nach vorn gehst du in Schulter- und Hüftstreckung: Das Zugmuster des Oberkörpers und das Druckmuster des Unterkörpers werden aktiv. Durch die 3D-Atmung und die Rumpfkontrolle verbindet sich dein Schultergürtel mit der Hüfte. Beim Schaukeln nach hinten beugen Schultern und Hüfte, dann arbeiten das Druckmuster des Oberkörpers und das Zugmuster der Hüfte.

Der Hinweis „Stell dir vor, du schaust aus dem Fenster oder über eine Mauer“ sorgt für gute Kopfkontrolle und aktiviert deinen Schultergürtel ganz natürlich, besonders den Serratus anterior, ohne dass du an einzelne Muskeln denken musst.

Rocken und Variationen zum Mitmachen2 Videos
Element 5 von 5

Krabbeln: dein X trainieren

Krabbeln ist besonders spannend, deshalb widmen wir ihm etwas mehr Raum. Zuerst: Warum krabbeln?

Krabbeln entwickelt dein X. Das X verbindet die rechte Schulter über den Rumpf mit der linken Hüfte. Wir bewegen uns kontralateral fort: Die rechte Schulter bewegt sich mit der linken Hüfte. Dieses X steckt in den meisten natürlichen Bewegungen, beim Gehen, Rennen, Werfen oder einbeinigen Springen. Beim Ausholen zu einem Wurf oder Sprung verdreht sich der Körper, um sich aufzuladen und dann kraftvoll zu entladen. Natürliche Bewegung hat fast immer diese rotierende Komponente um die Wirbelsäule.

Krabbeln schweißt Hüfte und Schultern zusammen. Es verbindet Schultergürtel und Hüfte, die durch das Sitzen im Alltag oft voneinander isoliert sind. Und es fordert reflexive Stabilität: Hebst du eine Hand, muss dein Rumpf reflexiv und diagonal kontrahieren. Du musst nicht an „Anspannen“ denken. Ohne diesen Stabilisationsreflex kannst du schlicht nicht krabbeln. So funktioniert Bewegung.

Tim Böttner krabbelt einem Baby entgegen, beim Baby ist das X von Schulter zu gegenüberliegender Hüfte eingezeichnet
Das X: rechte Schulter und linke Hüfte, linke Schulter und rechte Hüfte.

Stärkt Schultern und Handgelenke

Durch das Stützen wird dein Schultergürtel kräftiger und deine Handgelenke werden konditioniert. Richtest du den Blick nach vorn, trainierst du die aufrichtenden Haltemuskeln, die im Alltag sträflich vernachlässigt werden.

Macht dich schlauer

Die wechselseitige Bewegung verbindet beide Gehirnhälften und steigert die Aktivität in deinem Gehirn. Dazu berühren deine nackten Hände und Füße den Boden. Dort sitzen besonders viele Nervenendigungen.

Macht dich kugelsicher

Krabbeln entwickelt eine besondere Art von Stärke. Ich habe es oft selbst erlebt und bei vielen Athleten gesehen: Wenn du länger und besser krabbeln kannst, explodieren alle möglichen anderen Leistungen in deinem Training.

Worauf du beim Krabbeln achtest

Wähle die Variante, bei der du alle acht Punkte einhalten kannst. Geht das nicht mehr, mach eine Pause oder wähle eine leichtere Variante. Nichts erzwingen, langsam steigern.

  1. Kontralateral

    Immer gegenüberliegende Arme und Beine. Rechte Hüfte und linke Schulter im Wechsel.

  2. Kopf hoch, Blick nach vorn

    Als würdest du über eine Mauer schauen. Die Brustwirbelsäule streckt sich, Nacken- und Haltemuskeln arbeiten.

  3. Gesäß unten

    Das Gesäß tiefer als die Schultern, der Rücken behält sein natürliches Hohlkreuz. Mach dich groß, Kopf nach vorn, tief atmen.

  4. Zunge am Gaumen

    Die natürliche Ruheposition hinter den Schneidezähnen, in der du am stärksten und ruhigsten bist. Einmal schlucken, dann weißt du, wo.

  5. Durch die Nase atmen

    Mund zu. Das hält dein Nervensystem entspannt, und Kraft und Beweglichkeit können fließen.

  6. Ins Zwerchfell atmen

    Die tiefe Bauchatmung stabilisiert deinen thorakolumbalen Zylinder, dein schützendes Korsett um den Bauch.

  7. Fließend krabbeln

    Am Anfang gleicht Krabbeln oft eher kontrolliertem Fallen. Halte in jedem Schritt Kontrolle und Fluss. Weniger Roboter, mehr Raubtier.

  8. Hände abrollen, in den Boden greifen

    Nicht aufstampfen, sondern abrollen. Das schont die Handgelenke und weckt die Unterarmmuskeln. Greif sanft in den Boden, daran hängen viele Reflexe.

Tim Böttner beim Krabbeln mit Markierungen: Gesäß tiefer als Schultern, Kopf hoch, Mund geschlossen, Hand greift in den Boden
Gesäß unten, Kopf hoch, Mund zu, Hände greifen in den Boden.

Die Basisversion und vier Varianten

Basisversion: Geh in den Vierfüßlerstand. Mund zu, Zunge an den Gaumen, tief in den Bauch atmen. Kopf hoch, natürliches Hohlkreuz. Krabble langsam vorwärts, mit oder ohne Knie. Das Gesäß bleibt unterhalb des Kopfes. Der rechte Arm bewegt sich mit dem linken Bein, der linke Arm mit dem rechten.

Baby beim Krabbeln auf Händen und Knien
1

Baby Crawl

Die Einsteigervariante, auf Händen und Knien.

flach am Boden robben
2

Commando Crawl

Flach am Boden robben. Diese Variante erfordert viel Beweglichkeit in der Hüfte.

Tim Böttner im Leopard Crawl auf Händen und Füßen mit schwebenden Knien
3

Leopard Crawl

Die Standardvariante, auf Händen und Füßen, die Knie knapp über dem Boden.

Tim Böttner im Spiderman Crawl mit weit geöffneten Beinen, Blick nach vorn
4

Spiderman Crawl

Die Königsvariante: Durch die weit geöffneten Beine sehr fordernd für den Rumpf.

Achte auf dich: Wenn deine Handgelenke das Stützen nicht gewohnt sind, starte kurz, roll die Hände bewusst ab und steigere dich über Wochen. Schmerz ist ein Stoppsignal, kein Trainingsreiz: Dann wählst du eine leichtere Variante oder pausierst. Bei bestehenden Beschwerden lass das vorher ärztlich oder therapeutisch abklären.
Krabbeln und Variationen zum Mitmachen2 Videos
Putting it all together

Deine tägliche Routine

Ich empfehle dir, die Routine täglich zu machen. Zwischen 3 und 15 Minuten, Hauptsache, du tust es. Setz dir eine Challenge: jeden Tag, 4 Wochen lang. Beobachte neugierig, was passiert.

Die fünf Bausteine

10 ×

Zwerchfellatmung

In einer Position deiner Wahl. Mund geschlossen, Zunge am Gaumen.

20 ×

Nicken & Blicken

In einer Position deiner Wahl. Idee: Bei der 5. und 15. Wiederholung bleibt das Kinn an der Brust und du atmest ins Zwerchfell. Bei der 10. und 20. Kopf in den Nacken und ins Zwerchfell atmen.

10 ×

Rollen

Rolle deiner Wahl. Idee: segmentale Rollen für Ober- und Unterkörper, je 3 pro Arm, Bein und Richtung.

20 ×

Rocken

Idee: 10 mit gestreckten Füßen, 10 mit aufgestellten Zehen.

1–2 Min.

Krabbeln

In der Variante, bei der du alle acht Punkte halten kannst.

Statt Wiederholungen kannst du auch die Zeit stoppen (je 1 bis 2 Minuten) oder Atemzüge zählen (je 10 bis 15).

Tim Böttner beim Krabbeln in zwei Phasen hintereinander

Wann?

Am Morgen als Vorbereitung auf den Tag, vor dem Training, als Pause zwischen der Arbeit oder am Abend, um Spannungen abzubauen.

Variiere

Wechsle die Versionen und Positionen von Atmen, Kopfbewegungen, Rollen, Rocken und Krabbeln von Tag zu Tag. Stell dir die fünf Elemente als Bausteine vor, die du immer wieder anders füllen kannst.

Lass dich nicht von der Einfachheit täuschen: Die Natur ist immer einfach und gleichzeitig perfekt. Und du bist es auch.

Eine weitere Variante zum Mitmachen: Movement Reset.

Bonus

Die Krabbelchallenge: 10 Minuten am Stück

Ganz wichtig: Das ist ein Bonus. Mach zuerst die Routine. Auch wenn du nur 30 Sekunden krabbelst, wirst du über Wochen und Monate erstaunliche Effekte spüren. Wenn du experimentieren willst, verlängerst du die Krabbelzeit.

Das Ziel

10 Minuten ohne Unterbrechung krabbeln. Das klingt lang, aber schon bei 5 Minuten wirst du deutliche Veränderungen wahrnehmen.

Finde deine Startvariante

Beginne mit der leichtesten Variante und halte alle acht Punkte ein. Versuch, eine Minute darin zu krabbeln. Hast du das geschafft und fühlte es sich nicht anstrengender als 7 von 10 an, probierst du die nächste Variante. Schaffst du eine Variante weniger als eine Minute, aber mehr als 30 Sekunden, startest du damit deine Krabbelkarriere. Sei ehrlich zu dir.

So steigerst du dich

In den nächsten 20 bis 30 Einheiten erhöhst du deine Gesamtkrabbelzeit. Am ersten Tag empfehle ich dir drei Minuten insgesamt, je nach Kapazität und Erfahrung. Sammle die Zeit in möglichst wenigen Sätzen und bleib bei einer Anstrengung von höchstens 7 von 10.

Beispielplan

Tag 13 Min.6 × 30 s
Tag 23 Min.4 × 45 s
Tag 33 Min.3 × 60 s
Tag 44 Min.5 × 40 s
Tag 54 Min.4 × 60 s
Tag 65 Min.5 × 60 s
Tag 75 Min.3 × 100 s
…langsam weiter steigern
Tag 2010 Min.1 × 10 Min.
Tag 21Challenge1 × 20 Min.
Use it or lose it

Integration in einen bewegten Alltag

Die Routine ist dein Fundament. Lebendig wird sie, wenn du deine Bewegungsfreiheit auch im Alltag nutzt.

Hocken. Es gibt zahlreiche Hockvarianten, die du einnehmen können solltest, so wie es Erwan Le Corre und Kelly Starrett immer wieder zeigen. Im Video zeige ich dir, wie du Sitzen, Arbeiten und Mobilitätstraining ganz praktisch verbindest.

Hängen und Hangeln ist eine weitere Basis, für bewegliche und stabile Schultern.

Merke dir: Bewege dich …

  • öfter
  • auf mehr Arten
  • mit mehr von dir
  • in mehr Umgebungen

Gesund sitzen und arbeiten, mit Mobilitätstraining vereint.

Hängen und Hangeln für mobile und stabile Schultern.

Zum Hören

Bewegungsintelligenz im Podcast

In der ersten Folge erkläre ich, wie du mit der neuromotorischen Entwicklung deine natürliche Bewegungsintelligenz wiederentdeckst. Dazu das zweiteilige Gespräch über Bewegungskompetenz als Weg zu Körperintelligenz.

Das perfekte Trainingsprogramm: neuromotorische Entwicklung und natürliche Bewegungsintelligenz

Die Folge zu diesem Guide · Februar 2022 · 65 Min.

Unlock Your Body: Durch Bewegungskompetenz zu Körperintelligenz und Gesundheit (Teil 1)

#151 · Juli 2023 · 50 Min.

Unlock Your Body: Durch Bewegungskompetenz zu Körperintelligenz und Gesundheit (Teil 2)

#152 · Juli 2023 · 51 Min.

Alle Folgen auch auf Spotify und Apple Podcasts.

Häufige Fragen

Fragen zur holistischen Bewegungsroutine

Wie lange und wie oft mache ich die Routine?

Am besten täglich, zwischen 3 und 15 Minuten. Hauptsache, du tust es. Als Challenge: jeden Tag, vier Wochen lang, und dabei neugierig beobachten, was sich verändert. Gut passt sie morgens, vor dem Training, als Arbeitspause oder am Abend.

Woraus besteht die holistische Bewegungsroutine?

Aus fünf Elementen, die der frühen motorischen Entwicklung folgen: dreidimensionale Atmung, Nicken und Blicken, Rollen, Rocken und Krabbeln. Typisch sind etwa 10 Atemzüge, 20-mal Nicken, 10 Rollen, 20-mal Rocken und eine Runde Krabbeln.

Warum soll ich als Erwachsener krabbeln?

Krabbeln trainiert dein X, also die Verbindung von rechter Schulter und linker Hüfte über den Rumpf, die in fast allen natürlichen Bewegungen steckt. Es verbindet Schultergürtel und Hüfte, fordert reflexive Rumpfstabilität, stärkt Schultern und Handgelenke und verbindet durch die wechselseitige Bewegung beide Gehirnhälften.

Mit welcher Krabbelvariante fange ich an?

Mit der leichtesten Variante, bei der du alle acht Punkte einhalten kannst: kontralateral, Kopf hoch, Gesäß unten, Zunge am Gaumen, Nasenatmung, Zwerchfellatmung, fließend, Hände abrollen. Die Reihenfolge ist Baby Crawl, Commando Crawl, Leopard Crawl, Spiderman Crawl.

Woran erkenne ich, dass ich kompensiere?

Die Bewegung ruckelt, es gibt Momente des Fallens oder der Start ist nicht sanft und gleichmäßig. Ein guter Gegencheck ist ein Lächeln: Es steht für ein entspanntes Nervensystem. Oft löst sich die Spannung sofort, wenn du lächelst, und die Bewegung wird flüssiger.

Warum durch die Nase atmen und die Zunge an den Gaumen legen?

Nasenatmung hält dein Nervensystem entspannt, und die Zunge hinter den Schneidezähnen ist ihre natürliche Ruheposition, in der du am stärksten und ruhigsten bist. Mit der Zwerchfellatmung stabilisierst du zusätzlich deinen Rumpf. Je komplexer die Bewegungen werden, desto wichtiger ist dieses Mantra.

Der Puls der Woche

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.

Jeden Sonntag ein Impuls, der dir hilft, deinen Körper wieder als lebendiges Erinnerungsfeld wahrzunehmen.

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